„Stamp and sign“

Ich sitze in einem winzigen fensterlosen Zimmer im Verwaltungsgebäude des Hafens von Jalta. Es ist wie bei einem Verhör, mir gegenüber: Alexander, der Agent, sein Chef Andrej und vier Uniformierte von Zoll, Polizei, Gesundheitsamt und Hafenverwaltung. Dazwischen ein Tisch, übervoll bedeckt mit Formularen und Drucksorten: General Declaration (6-fach), Cargo Declaration (6-fach), Weapon Declaration (2-fach) Money Declaration (2-fach) Custom Declaration, The Declaration on Ship-Stocks (2-fach) Crews Effects Declaration (2-fach) Unauthorized Crewmembers Declaration (1-fach), Health Declaration (2-fach), Ship Ecological Declaration (2-fach) und schlussendlich die Crew-List (9-fach)

Die Prozedur steht kurz vor ihrem Ende – seit fast zwei Tagen warte ich auf den erlösenden Einreisestempel in meinem Reisepass – nun scheint er greifbar nahe zu sein.

Etwa 43 Stunden dauerte die Überfahrt nach Jalta. Kaum hatte ich die schützende Bucht südlich der Halbinsel verlassen zeigte „der gastfreundliche Pontus“ seine Zähne. Der Wetterberich von Samsun Turk Radio hatte zuvor NE 4 bis 6, locally 7 angesagt. Moderate. Nach einem zeitraubenden Holebug, gegen sehr raue See, konnte ich bis Jalta einen Anlieger segeln – auf backbordbug bei Wind aus NNE mit Windstärken wie angekündigt.

Hoher Seegang vereitelte alle Arbeiten die ich mir für die Überfahrt vorgenommen hatte – zwar steuert Joesefine, die Windfahne, tadellos und präzise, aber die langen und hohen Seen machen die Fahrt zur körperlichen Herausforderung.

Kochen ist unter diesen Bedingungen ohnehin undenkbar – ich lebe also von Bananen, Keksen, Schokolade und Brot. Immer wieder findet die Gischt ihren Weg ins Cockpit, lethargisch kauere ich hinter der schützenden Scheibe oder strecke mich im Salon kurz auf der Leekoje aus.

Plötzlich bemerke ich, dass ich keine Ruderwirkung habe, das Hauptruder scheint irgendwie „ausgehängt“ zu sein. „Joesefine“ steuert zuverlässig, so kann ich nach unten in die Achterkabine und kopfüber die Ursache klären – es ist eine Schraube zwischen Helmstock und Hydraulik die sich gelockert hat.

Es dauert eine Weile bis die Schraube wieder an ihrem Platz ist, mit Splint gesichert und so gegen Erschütterungen immun. Zurück an Deck stellt sich heraus dass ich nicht immun bin – gegen starke Schiffsbewegungen gepaart mit Arbeit kopfüber unter Deck – sollen doch die Fische auch ihre Freude haben …

Um 0530 Uhr fällt endlich der Anker im Hafen von Jalta. Ich winke einen Frühaufsteher heran der mir hilft die Achterleinen an einem verrosteten Ring am hohen und bröckelnden Kai festzumachen. Alle Boote halten großem Respektabstand zur Kaimauer – ich folge diesem Beispiel, der Schwell im Hafen ist zu gefährlich. Starker Seitenwind belastet die Ankerkette – mit einer sehr langen Leine zum Bug versuche ich Abhilfe zu schaffen.

Die Silhouette von Jalta ist beeindruckend – schon bei der Ansteuerung war die hohe Steilküste markant – ein völlig anderes Bild als ich es von der Südküste her gewohnt war. Mächtige Prunkbauten, goldene Kuppeln, Hotelkomplexe und Sanatorien sind weithin sichtbar. Jalta wird seinem Ruf gerecht – stellt sich als Touristenmagnet, Kur- und Urlaubsort mit jährlichen 2 Millionen Gästen dar. An der Hafenpromenade ist bereits frühmorgens Hochbetrieb, der erst spätnachts wieder zum Erliegen kommt.

„Stamp and sign“ – wer ohne einen dicken Stapel mit vorausgefüllten Crew-Lists in das Schwarze Meer segelt ist schlecht beraten. Ab jetzt nimmt die Bürokratie einen respektablen Anteil an der Reise – keine Ansteuerung, kein Einlaufen, kein Auslaufen ohne die entsprechenden Behördenfreigaben, Permissions und Formulare. „Lebed“ die Küstenwache beobachtet jede meiner Schiffsbewegungen – warnt über Funk eindringlich davor die Hoheitsgewässer zu verlassen (was einer illegalen Ausreise mit der Notwendigkeit neuerlicher Einreiseformalitäten gleichkäme.

Alexander Ahrer / blue-water|at

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