Kurs 228 – mit schwachem Rückenwind, ausgebaumter Genua und Unterstützung durch die Strömung segeln wir nach Constanta – vor Port Tomis ankert scheinbar die gesamte rumänische Marine – hinter der äußeren Mole steigt eine Rauchwolke auf, der kurz danach mehrere laute Detonationen folgen.
Wir haben bereits Einfahrtserlaubnis für Port Tomis, aber sicherheitshalber erkundige ich mich nochmals – die Detonationen hinter der Mole beunruhigen ein wenig.
„Mary Lou – you have the permission …“ antwortet Constanta Port Control, also fahren wir weiter, hindurch zwischen den Militärschiffen, in den Hafen am Fuße der Altstadt von Constanta.
Heute übt die Marine nur, wie wir erfahren, aber morgen ist „Navy Day“ – dann wird es ernst: Der Präsident wird auch wieder hier sein um die Demonstrationen seiner Marine zu bewundern. Offensichtlich eskortiert er auch unsere Reise durch Rumänien….
Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli – „Hier bin ich ein Barbar, weil ich von niemandem verstanden werde“
Mit diesen Worten beklagte sich hier der römische Dichter Ovid (Publius Ovidius Naso) in seinen Epistulae ex Ponto (Briefen vom Pontus) aus seinem Verbannungsort am Schwarzen Meer.
Vor genau 2000 Jahren, im Jahre 8 unserer Zeitrechnung ereilte ihn die Botschaft, dass Kaiser Augustus ihn nach Tomis – dem heutigen Constanta verbannt hatte – vermutlich waren es seine freizügigen Hexameter über die Liebe, die dem prüden Kaiser missfielen.
Vieles erinnert heutzutage noch an diese Zeit: Port Tomis – der Hafen, Piata Ovidiu, Bulevardul Tomis, eine Kopie der kapitolinischen Wölfin mit Romulus und Remus, Ausgrabungen und noch mehr verweisen auf das römische Erbe und den berühmten Ahnen.
Darüber hinaus ist Constanta ein Paradies für Baufirmen – die bröckelnde Altstadt ist Zeuge der wirtschaftlichen Ohnmacht des Landes in der Vergangenheit.
Viele Gebäude, die bisher scheinbar dem Verfall preisgegeben waren haben nun offensichtlich ihre Eigentümer gewechselt, sind schon eingezäunt und am Wege saniert, umgebaut, revitalisiert zu werden. Der Blick vom Minarett der Moschee gleich neben der Piata Ovidiu macht offensichtlich wie viele Dächer hier zu erneuern sind.
Von allen Orten die ich bisher rund ums Schwarze Meer besucht habe ist Constanta die erste Stadt, die mich an meine Besuche hinterm Eisernen Vorhang vor 20 Jahren erinnert.
Und dennoch pulsiert die Stadt – fast alle Lokale sind übervoll, die Jugend dominiert die nächtlichen, teilweise schlecht beleuchteten Straßen. Die Stadt lebt.
Vom Hafen herauf – die Stadt liegt hoch über der Küste – hört man Kanonendonner, Hubschraubergeknatter und Musik – der Navy-Day bestimmt das Geschehen in und um Port Tomis. Viele Schaulustige stehen auf den hohen Kaimauern um die Manöver zu beobachten.
Alexander Ahrer / blue-water|at
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