Nachdem alle Formalitäten erledigt sind – die Zöllner sind wieder am Weg zurück nach Burgas – ist für mich der Weg frei in die Türkei.
Igneada ist der erste Hafen in der thrakischen Türkei – Informationen zufolge, die ich von anderen Seglern habe kann man dort nicht einklarieren, ich werde ja sehen. Zumindest ankern werde ich können im gut geschützten Fischereihafen.
Es ist schwül und gewittrig, die See ist aufgerührt und nach wenigen Stunden schon mache ich Mary Lou in Igneada fest. Längsseits an Tintenfisch, dem Boot eines Schweizer Einhandseglers unter holländischer Flagge der seinerseits längsseits an einem Fischerboot liegt, das wiederum längsseits …
Sahil Güvenlik – die Küstenwache kommt mit einem Schlauchboot und ein junger Mann macht uns freundlich darauf aufmerksam dass wir hier nicht einklarieren können und demzufolge auch das Schiff nicht verlassen dürfen.
Mein Nachbar, der Schweizer schimpft fürchterlich über alles und jeden, ich denke mir meinen Teil und warte bis das Schlauchboot wieder bei seinem Mutterschiff auf der anderen Seite des Hafens angekommen ist.
Dann klettere ich über alle Fischerboote die zwischen Mary Lou und dem Kai liegen und setze mich ins Teehaus. Im Mini-Markt nebenan kaufe ich Lebensmittel und beobachte dann vom Teehaus aus die Fischer beim Beladen eines LKW mit großen Säcken voller Schnecken die für den Export nach Japan bestimmt sind. Höchste Zeit mein Türkisch wieder zu „schmieren“ – das Teehaus ist der beste Platz dafür.
Ich trinke Tee, blättere durch mein Tagebuch und resümiere. Morgen werde ich wieder am Bosporus sein. Dort wo die Reise vor fast zwei Monaten begonnen hatte – mit heftigem graugrünem Schwell.
Bereits um 0700 Uhr werfe ich die Leinen los – es sind fast 70 Meilen bis nach Poyraz, dem Hafen am nördlichen Ende des Bosporus.
Noch im Hafen ziehe ich das Großsegel hoch und dann die Fock – es wird ein windiger Segeltag, mit dem mich das Schwarze Meer verabschiedet.
Heftiger Seegang sorgt dafür dass unten, im Salon nochmals alles ordentlich durchgemischt wird, die pontischen Delfine geben mir ein letztes Mal die Ehre, begleiten uns lange und verabschieden sich dann von Mary Lou, ein türkisches Kriegsschiff versucht wieder einmal verzweifelt Schiffe zu identifizieren.
Es ist bereits stockfinster als ich die Reede vor Dalyan Burnu passiere. Viele große Schiffe liegen hier vor Anker – unerwartet viele – und dazwischen jede Menge Verkehr – große Frachter und kleine, teilweise unbeleuchtete Boote machen die letzten Meilen im Schwarzen Meer zum Nervenkitzel. Höchste Konzentration ist notwendig, es sind nur mehr fünf Meilen bis nach Poyraz.
Das Feld der Ankerlieger ist passiert – an Steuerbord liegt jetzt Rumelifeneri, der Fischereihafen am nordwestlichen Ende des Bosporus.
Der Argonaut Jason überlistete hier mit einer Taube die Symplegaden – zwei “schwimmende“ Felsen die diese Passage versperrten, die immer zusammenschlugen wenn ein Schiff zu passieren versuchte. Seither ist die Passage – der Sage zufolge – frei.
Ich nutze diesen glücklichen Umstand fahre unbesorgt in den Bosporus ein und überquere dann zwischen zwei Frachtern das Fahrwasser Richtung Osten.
Ein Blick zurück in die undurchdringliche Nacht, ein letzter Blick hinaus aufs – jetzt wirklich – Schwarze Meer und dann fällt der Anker im überfüllten Hafen von Poyraz ♦♦♦
Alexander Ahrer / blue-water|at
zurück zum Inhaltsverzeichnis









