Kaltes Wasser


Kraftakt.
Für seine seglerischen Leistungen wurde Alexander Ahrer zwei mal mit dem Miramar-Preis ausgezeichnet. Welchen persönlichen Wandel er im Vorfeld durchlaufen hatte, erzählte er Judith Duller-Mayrhofer (Yacht-Revue)


Der spinnt, der Ahrer, tuschelten die einen. Der traut sich was, der Ahrer, dachten die anderen, auch wenn es manche nicht laut zu sagen wagten.

Da ist einer als Top-Manager in der IT-Branche tätig, quasi unkündbar, bestes Renommee im Haus, 25 Jahre Erfahrung, schönes Gehalt. Könnte sich bis zur Pension problemlos ein breites Hinterteil ersitzen.

Und schmeißt doch alles hin. Kündigt aus freien Stücken, um ohne Job dazustehen. Als Familienvater, wohlgemerkt. Wer soll das kapieren?

Einer, der versteht, dass Zeit nicht Geld ist, sondern höchster Wert an sich. Zeit für die Familie, für sich selbst. Zeit, um aus Träumen gelebte Erfahrung zu machen. Alexander Ahrer war 46, als er sich mit beherztem Hieb aus dem Netz aus Verpflichtungen befreite, das ihn zunehmend eingeengt hatte. Er orientierte sich auf allen Ebenen neu, zog mit Frau und zwei Kindern von Wien in ein altes Bauernhaus nach Oberösterreich, begann eine systemorientierte Ausbildung zum Organisations- und Personalentwickler.

Und kaufte ein Boot.  Mary Lou, Modell Reinke Hydra, Stahlyacht. Ein per Internet ausgeforschtes Schnäppchen, das vor der Hansestadt Wismar an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns schwamm, segelfertig zwar, aber in schlechtem Zustand. Bastlerhit, wird das im Immobilienjargon genannt. Also bastelte Ahrer, in Wismar, einen ganzen Winter lang. Renovierte die Yacht von Grund auf, riss das Holz heraus, erneuerte die Installationen, montierte eine Ankerwinde. Im Frühjahr 2005 war das Schiff tipptopp in Form und Ahrer stach damit erstmals in See. In die Ostsee um genau zu sein. Bisher war er ausschließlich in der Adria gesegelt, von Bucht zu Bucht, von Wirt zu Wirt, wie das halt so üblich ist. Ausgetretene Pfade, die er ohnehin hatte verlassen wollen. Jetzt also Ostsee. Einen schärferen Kontrast hätte er sich kaum aussuchen können, doch nach dem ersten Schock lernte er das Revier lieben.

Die Seemannschaft und Loyalität, wie man sie nirgendwo sonst in Europa findet, die bunte Klientel, die vielen unterschiedlichen Eigneryachten, jede auf ihre Art charmant. Niemals ist der Hafen zu voll, irgendwo wird immer noch ein Plätzchen frei gemacht.

Als der Herbstnebel über das Wasser vor Wismar zog, hatte Alexander Ahrer einen Plan. Er wollte rund um Europa segeln, von seinem Standort in Deutschland nach England, von dort im Rahmen einer vom World Cruising Club organisierten Regatta bis Portugal und schließlich in die Türkei. Trotz vieler Vorbehalte zog er sein Projekt durch: Mitte April 2006 löste er in Fehmarn die Leinen und brachte seine Tour de Force gute vier Monate später in Marmaris zu einem glücklichen Ende. Unter dem Titel „Round Europe” reichte Ahrer diese Reise für den Miramar-Preis ein, die höchste Auszeichnung, die der Österreichische Segel-Verband an Fahrtensegler zu vergeben hat. Und gewann.

Noch kühner seine nächste Idee, die er zwei Jahre später verwirklichte: Eine Runde um das Schwarze Meer, die in die seglerisch weitgehend unerschlossenen Reviere Bulgariens, Rumäniens oder der Ukraine führen sollte. Da die Suche nach aktiven Mitstreitern ergebnislos blieb, machte sich Ahrer alleine auf den Weg und segelte einen Törn über 1.100 Seemeilen, der ihm 2008 zum zweiten Mal den Miramar-Preis einbrachte.

KEINE REUE. Aus Träumen gelebte Realität machen – dem Segler Ahrer ist genau das gelungen. Und sonst?

In seiner Beziehung zu Sonja, einer Sozialarbeiterin, lösten die Veränderungen zunächst eine Krise aus, eine gewaltige Krise, wie er selbst sagt. Vieles war nicht akkordiert, nicht vereinbart – ganz einfach, weil es passierte. Doch die beiden fanden sich neu und inzwischen kann die Frau, die ihm seit 20 Jahren zur Seite steht und zwei Kinder geschenkt hat, seinen Weg respektieren, sich mit ihm über Erfolge freuen. Eine klassische Bordfrau ist sie aber bis heute nicht. Würde Ahrer die Mary Lou verkaufen und seine Zeit mit Sonja in den Bergen verbringen, wäre ihr das lieber. Umso mehr weiß er ihre Haltung zu schätzen. Danke, Sonja.

Beruflich hat der heute 51-Jährige längst wieder Fuß gefasst. Über seine Firma TEAM|Vision (www.team-vision.at) bietet er Systemische Ortganisationsentwicklung, Beratung und Coaching in Sachen Teambuilding oder Teamentwicklung an, gilt als Spezialist für Systemic Management und Schulung von Führungskräften. Basis seiner Arbeit ist eine lösungsorientierte Methode, bei der die Energie auf Ziele, Ressourcen und Erfolge gelenkt wird, statt im Problem verhaftet zu bleiben.

Seine Erfahrungen auf See sind mit seiner professionellen Ausbildung untrennbar verflochten; Ahrer bezeichnet Systemisches Management als „Hochseepatent der Führung”, benutzt in seiner Arbeit viele Metaphern und Botschaften aus dem Segeln. Manche Seminare hält er an Bord der Mary Lou, wo alle Teilnehmer von Beginn an buchstäblich in einem Boot sitzen, wo die Qualität guter Führung unmittelbar spür- und greifbar ist.

Begriffe wie Arbeit oder Freizeit sind für Ahrer seither beliebig; er kennt nur noch „leben”. Wenn er drei Monate am Stück segelt, kann er das zwar nicht von der Steuer absetzen, trotzdem betrachtet er es auch als Fortbildungsmaßnahme: Die Erlebnisse auf dem Wasser, die Horizonterweiterung und sein persönliches Wachstum kommen schließlich seinen Klienten zugute. Zum Geld-Verdienen hat er seinen eigenen Zugang gefunden. Antreiben will er sich nicht mehr lassen, materielle Güter sind ihm weitgehend unwichtig. Seminar an Seminar reihen, auf Zuruf springen? Da hätte er gleich in der alten Firma bleiben können. Er will seine Tage selbstbestimmt gestalten, im Hier und Jetzt, seine persönliche Balance finden zwischen Sicherheit und Freiheit. Ideen und Projekte, die am Horizont wie von selbst auftauchen, weiterhin umsetzen können, das ist die Form von Qualität, die er sucht.

Und was leuchtet derzeit am Horizont? Brasilien, sagt Ahrer langsam, von der Türkei nach Brasilien segeln, dann hinauf nach Neuschottland oder Neufundland und über die Wikingerroute zurück nach Nordeuropa. Rund 15.000 Meilen wären das, logistisch und finanziell kaum zu stemmen, aber eine wahnsinnig reizvolle Herausforderung. Der spinnt, der Ahrer.

Und traut sich was.

Judith Duller-Mayrhofer / Yacht-Revue 8/2009


Mister Miramar

Doppelschlag. Für diese beiden Projekte wurde Alexander Ahrer vom Österreichischen Segel-Verband mit dem Miramar-Preis ausgezeichnet

Round Europe 2006

14.April bis 27.August 2006 / Fehmarn – Den Helder -Plymouth – Guernsey – Bayona – Lisboa – Lagos – Cadiz – Gibraltar – Almeria – Ibiza – Carloforte (Sardinien) – Sciacca (Sizilien) -Kalamata – Santorin – Marmaris.

Black Sea Cruise 2008

21. Juli bis 24. August 2008 /Istanbul – Amasra – Sinop – Yalta -  Balaklava/Sewastopol – Odessa – Sulina – Konstanza – Nessebar- Tsarevo – Igneada – Istanbul (detaillierter Bericht dazu hier) siehe auch Yacht-Revue

Beide Törns wurden auf dem Reinke-Selbstbau (Typ Hydra) Mary Lou gesegelt, einer 49 Fuß langen und 20 Tonnen schweren, kuttergetakelten Stahlyacht. www.mary-lou.at

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